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27 Feb 2017

Tattoo Tagung 2017

Am 25. Februar war es soweit:
Thomas Sembt und Dr. med. Klaus Hoffmann haben zur dritten Tattoo-Tagung im Hörsaalzentrum des St. Josef Hospital der Ruhr-Uniklinik in Bochum zur wechselseitigen Wissensbefruchtung geladen und viele kamen: Der Hörsaal war voll!
Es wurde eine überaus informative und fröhliche Zusammenkunft verschiedenster Professionen: Ärzte, Tätowierer, PMU-Fachleute, Hersteller, Supplier und Repräsentanten unterschiedlicher Organisationen, die alle den interdisziplinären Austausch und ein Fortschreiten der Professionalisierung einhergehend mit mehr Sicherheit für alle Beteiligten zum Ziel haben.

Nachdem wir die erste und zweite Tagung, ganz einfach weil wir immer zu spät davon erfahren hatten, verpasst haben, hat es mich sehr gefreut, dass zumindest ich in diesem Jahr endlich dabei sein konnte, wenn es auch für Denis wieder zu kurzfristig war. Der würde seine vereinbarten Tattootermine nämlich praktisch nur für Todesfälle von sich aus verschieben, also wäre es schön, wenn solche Veranstaltungen noch einige Monate eher angekündigt würden.

Das Plenum wurde dutzende Male darauf hingewiesen, dass bitte keine Fotos gemacht werden sollen – nun, ich bin ja eh nicht fotoaffin und zudem ohne Mobiltelefon, daher war das kein Problem. Nur hoffe ich, dass der Leser von einem Nur-Text nicht allzu abgeschreckt wird.

Also, wie war es? Hier meine ganz persönliche und absolut subjektive und unvollständige Zusammenfassung:
Nach der pünktlichen Begrüßung durch Dr. Hoffmann ging es mit dem Seelenleben los. Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Erich Kasten gab in „Psycho-Tattoos: Über psychologisch sinnvolle und nicht ganz so sinnvolle Tätowierungen“ einen Überblick über verschiedene Forschungsfragen, die aus psychologischer Sicht sehr spannend sind, unter anderem zur Motivation und verschiedene Aspekte der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ein wenig überrascht hat mich zum einen die Frage danach, ob Tattoos heilende Wirkung haben – tauchen denn nicht schon immer Tätowierungen quer durch die Kulturkreise auch in der Funktion auf, den Körper und/oder die Psyche zu heilen?
Der in der Präsentation gezeigte große Rücken mit dem Jesusportrait wäre ein Paradebeispiel in schutzmagischer Doppelfunktion: Offensichtlich für die Seele (Christus stärkt den Rücken) aber genau dieses Thema in genau dieser Platzierung schützte traditionell auch den Körper vor Misshandlung, denn wer wagte es, den Erlöser zu schlagen?

Zum anderen die Frage danach, ob tätowierte Menschen generell eher kriminell seien als nicht tätowierte Menschen.
Ja, ich verstehe die Notwendigkeit, gerade auch ob der nach wie vor in den Medien ständig bemühten Korrelation, diese Frage wissenschaftlich zu untersuchen.
Genauso wichtig fände ich es aber auch, mal darüber aufzuklären, auf welchem Weltbild und Wertesystem dieser Gedanke überhaupt basiert: Der geneigte Leser (und ich hoffe, der Mann, der „tattoofrei“ macht, gehört dazu, weil er genau damit arbeitet und dieses Wertesystem auf vermeintlich lustige Weise am Leben erhält) möge mal Cesare Lombroso bei Wikipedia eintippen. „L’uomo delinquente“. Mit „Ornament und Verbrechen“ (gibt es auch in Google) von Adolf Loos, einem Wegbereiter der Moderne, in die Ästhetik überführt. Um mal zwei der wichtigsten Quellen zu nennen. Es waren aber noch mehr beteiligt.

An diesem Punkt wäre der kulturhistorische Beitrag „Diagnose: Tätowierung Zur Rolle von Tätowierungen in Medizingeschichtlichen Sammlungen. – Eine Semiotik von Tätowierungen und pathologischen Hautveränderungen in ausgewählten medizinhistorischen Sammlungen“ von Dr. Igor Eberhard sicher super gewesen, denn, soweit mir bekannt, stammen die Exponate solcher Sammlungen vorwiegend von Menschen, die im Verständnis ihrer Zeit als kriminell galten. Das konnte tatsächliche Verbrechen oder auch einfach bitterste Armut bedeuten. Es wurden tendenziell eher nicht die Häute oder Körperteile der gebildeten wohlhabenden Menschen konserviert, sondern vorwiegend die der namenlosen, sozial schwachen Bevölkerung. Was aber nicht bedeutet, dass nur diese tätowiert waren.
Nur musste dieser Vortrag leider ausfallen.

Urban Slamal, Fachanwalt für Strafrecht und Vorstandsmitglied im Bundesverband Tattoo e.V. und anderen Verbänden, sprach leidenschaftlich über uns alle als „Eine Branche auf dem Weg in die Normalität – Ausblicke auf die Zukunft der Tattoo-Industrie“. Das teilweise immer noch gelebte, irgendwie romantisch verklärte Selbstverständnis einer von außen unregulierten Branche mit völlig eigenen Regeln der Selbstorganisation schadet uns und den Endverbrauchern in vielen Punkten mehr, als dass es irgendwem nützt. Denn dann werden wir bei allen nationalen und europäischen Regulierungsprozessen nicht wahrgenommen und vor vollendete Tatsachen gestellt.
Zwangsläufig hat Urban damit ein Appell für den BVT (dessen Mitglied wir schon länger sind) verbunden.

Weiter ging es mit „Cover-up Tattoo was ist heutzutage möglich? Was für Tattoo-Unfälle bekommen die Tätowierer zu sehen“ von Randy Engelhard, der den meisten ja ein Begriff sein wird. Randy hat die verschiedenen konzeptionellen und handwerklichen Strategien erläutert, deren Berücksichtigung für ein gutes -und vor allem haltbares- Cover Up unerlässlich sind. Es ergab sich eine eine kuriose Diskussion mit einer Teilnehmerin, die, ungeachtet des zuvor Gehörten (was absolut state of the art war), meinte, er hätte besser daran getan, einer kleinen und zierlichen Frau ein kleines florales Blumencover zu machen. Was bei der Ausgangslage in diesem Fallbeispiel absolut verantwortungslos, weil nicht haltbar gewesen wäre – und zudem auch nicht zur Debatte stand, weil diese kleine und zierliche Frau grundsätzlich gerne stark tätowiert sein wollte, warum also klein und nicht stabil, wenn es größer und dafür haltbar geht?
Es erschüttert mich immer wieder, wenn allein aufgrund von Geschlecht oder Körperbau eine bestimmte Ästhetik von außen zugeteilt wird. Und noch mehr, wenn dafür ein schlechtes Gesamtergebnis in Kauf genommen wird. Es gibt nunmal kleine zierliche Frauen, die sich wohl dabei fühlen, großflächig tätowiert zu sein. Genauso wie es raumgreifende Männer gibt, die sich mit Blüten und Schmetterlingen wohl fühlen. Wir, als Ausführende, haben das nicht zu entscheiden und nicht zu beurteilen. Für uns stellt sich einzig die Frage, ob wir an der Umsetzung beteiligt sein möchten oder nicht.

Dr. Anke Meisner vom Referat 223 für Produktsicherheit des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Berlin stellte die Webseite safer-tattoo.de vor, ein wirklich schön gemachtes Angebot zur Verbraucheraufklärung zum Thema Tattoos. Vor zehn/fünfzehn Jahren wäre so etwas in dieser Qualität von einem Bundesministerium noch undenkbar gewesen…

Sara Pavo gewährte uns einen Einblick in ein Paralleluniversum: „Micropigmentation ? die Hohe Kunst des modernen Permanent Make-up“,
auch extrem spannend, sehr vielfältig und -zumindest für mich- ständig begleitet von diesem Paralleluniversum-Gefühl, was vor allem daran liegt, dass die kosmetische Tätowierwelt eine eigene Terminologie für eigentlich bekannte Techniken und Stilmittel entwickelt hat. Und diese Terminologie klingt durchweg netter, plüschiger und irgendwie glitzernder, wie z.B. „Stardust“ anstelle von Dotwork. Ich finde das absolut faszinierend.
Während wir immer danach streben, dass das, was wir machen auch eindeutig als Tätowierung rezipiert werden kann, geht es bei Saras Tätowierungen (Entschuldigung, Micropigmentierungen) darum, dass sie genau NICHT als solche von der Umwelt wahrgenommen werden. Und genau darin liegt die Kunstfertigkeit und Erleichterung, die sie Menschen geben kann, denen dadurch ein großer gesellschaftlicher Druck genommen werden kann.

Nach einer Futterpause ging es weiter mit Dipl.-Ing. (FH) Michael Dirks, vielleicht besser bekannt als Farben-Michel, zu „Neuerungen auf dem Tattoo/Pigment-Markt, ResAp2008/2016, Pigmentforschung“. Die sehr unterhaltsame Gestaltung dieses Beitrags konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass inhaltlich eine hohe Informationsdichte und dazu noch eine absolute Sensationsneuigkeit enthalten war: Die Produktion technisch hochreiner Pigmente speziell für die Verwendung in Tätowierfarben ist heute, das gesamte Farbspektrum abdeckend, möglich! Wie großartig! Der (übliche) Haken an der Sache: Die Kosten. Aber egal, wir sind sehr gespannt, was die Zukunft noch bringen wird!

Ergänzend zu den Beiträgen von Herrn Kasten und Frau Pavo hielt Andy Engel einen Vortrag über „Brustwarzen-Rekonstruktion (BWR)“. Weithin für seine schwarz-grauen Portraits bekannt, betätigt sich Andy aber weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt schon seit gefühlten Ewigkeiten in dem Bereich der Brustwarzen-Rekonstruktion nach Mastektomie-Operationen. Diesen reichen Erfahrungsschatz hat er mit uns geteilt: Auf welche verschiedenen Ausgangssituationen kann man als Tätowierer nach der Brustkrebs-Operation und anschließenden Aufbau- und Rekonstruktionsoperationen treffen? Welche Schwierigkeiten können -je nach Gewebe, Schnitt- und Nahttechniken- dann jeweils für die realistische Tätowierung einer Brustwarze mit Brustwarzenhof auftreten, wie geht man dann damit um? Außerdem hat Andy von den Schwierigkeiten berichtet, die es in letzter Zeit hinsichtlich der Kostenübernahme durch die Krankenkassen gibt. Deren Engagement ist nämlich wegen der (erfreulicherweise) steigenden öffenlichen Aufmerksamkeit für speziell dieses Thema und den damit verbundenen Charity-Aktionen, in denen (unerfreulicherweise) auch schlechte BWRs passieren, spürbar gedämpft.
Also: Guter Wille und kostenlos heißt nicht, dass es ein gutes Ergebnis wird und erweist dann der Sache einen Bärendienst!

Gordon Lickefett von Tattoosafe, der direkt vor mir saß, wollte über „Tattoo-Supplies und die Selbstkontrolle des Tätowierer-Marktes“ sprechen. War dann aber -wegen gesundheitlicher Probleme, wie sich später herausstellte- verschwunden. Diesen Part hat dann spontan Urban übernommen. Und es gut gemacht.
Unter anderem hat er uns verdeutlicht, dass die derzeit eigentlich von allen seriösen deutschen Suppliern praktizierte Bezugseinschränkung über den Gewerbeschein ein romantischer und teurer Luxus ist. Mittelfristig wird es wegen marktwirtschaftlicher Zwänge für uns wohl so kommen, wie für alle anderen Branchen auch: Jeder kann alles kaufen.
Ich weiß nicht, ob das wirklich so einen Unterschied machen würde? Es war doch schon immer so: Wer eine Tattooausrüstung will aber eigentlich nicht darf, kommt trotzdem irgendwie an eine ran.

Mit „Was müssen Tätowierer und Arzt über das Tattoo wissen? Von der Biologie bis zu den Nebenwirkungen! Wundheilung, Nachsorge, Allergien und andere mögliche Komplikationen (Tattoo, Permanent Make-up, Laser)“ hat uns Dr. med. Klaus Hoffmann einen Einblick in den aktuellen Stand in Praxis und Forschungslage gegeben, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Bilder der histologischen Präparate fand ich unglaublich erhellend.

Die gute Nachricht: Echte Allergien sind extrem selten. Trotzdem ist es gerade im Bereich der möglichen Komplikationen und Wundheilstörungen besonders sinnvoll, wenn ein Austausch zwischen Mediziner und Tätowierer stattfindet, umso effektiver kann mitunter dem Patienten geholfen werden. Dr. Hoffmann war Leiter der großen Laserstudie über die Leistungsfähigkeit der neuesten Gerätegenerationen, die kürzlich in Bochum stattgefunden hat. Und auch daraus durften wir Bilder sehen.

Damit wir verstehen, was wir da gesehen haben und wie das überhaupt funktioniert, hat uns Dr. rer. nat. Fedor Mayorov in „Hürden, Chancen und Risiken der Laserentwicklung! Moderne Laser vs. Billiglaser aus Fernost! Wo und wie wird geschummelt?“ die technisch-physikalischen Unterschiede in den Geräten und damit ihren Einsatzfähigkeiten erklärt. Wow. In mir wuchs der Gedanke, dass ich nun weiß, welche Sorte definitiv niemals an meinen Körper dürfte, sollte ich einmal das Bedürfnis nach einer Laserbehandlung haben.


Und zurück zum Menschen ging es mit Dr. med. Matthias Bonczkowitz und „Klinische Evidenz von gepulsten Lasersystemen Tattooentfernung mit Piko- versus Nanosekundenlasern. Was gibt es Neues auf dem Markt?“ Man merke sich: Nano- und vor allem Picosekundenlaser sind die derzeit besten bei der Tattooentfernung, denn der Energiestoß ist dermaßen kurz, dass tatsächlich nur das Pigment zertrümmert wird, die umliegenden Zellen aber völlig unbeschadet bleiben. Außerdem sind die möglichen Wellenlängen erweitert worden, so dass nun auch Farbspektren damit gelasert werden können, bei denen es vor ein paar Jahren noch nicht so gut geklappt hat. Was bin ich froh, dass wir schon seit einigen Jahren alle Cover-Up-Interessenten aus dieser Region, deren Wunsch sich ohne vorherige Laseraufhellung nicht umsetzten ließe, zu Herrn Bonczkowitz nach Kelkheim empfehlen…

Wegen der anregenden Fragen und Diskussionen, die sich ständig ergeben haben, wurde die Veranstaltung um mehrere Stunden ausgedehnt. Es war schön und hat sich auf jeden Fall gelohnt! Vielen Dank für diese gelungene Veranstaltung und auf zum ECTP (European Congress on Tattoo and Pigment Research) in Regensburg!

Danke für’s Lesen
Steffi

Hier noch einmal alle Links:
http://tattoo-tagung.de
http://doc-tattooentfernung.com
http://www.hautteam.de
http://erich-kasten.de
http://www.kaltfronten.com
http://www.rechtsanwalt.slamal.de
http://www.bundesverband-tattoo.de
http://www.heavenofcolours.de
https://www.safer-tattoo.de
http://www.sarapavo.de
http://www.hautcutuer.de
http://www.andy-engel.com
http://www.tattoosafe.org
http://www.hypertech-lasers.de
http://www.hautmedizin-kelkheim.de