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25 Apr 2016

Narben und Tätowierungen

Narben sind so unterschiedlich wie die Ursachen, die sie hervorgerufen haben. Sei es durch Krankheit, einen Unfall, Misshandlung oder schlicht einer vernarbten vorherigen Tätowierung,

entgegen der allgemeinen Annahme muss niemand erzählen, wie es dazu kam, bevor er oder sie überhaupt tätowiert werden kann. Wenn Sie uns ihre Geschichte erzählen möchten: Gerne. Aber wir werden Sie nicht danach ausfragen. In der Regel sprechen die Narben sowieso für sich, für uns ist unmittelbar nur relevant, wie sie sich darstellen und welche Vision Sie von Ihrer Tätowierung haben.

Ihnen muss klar sein, dass Sie immer die Ausgangssituation werden sehen können, ganz einfach weil Sie wissen, wie es mal war. Außenstehende sollten aber idealerweise ein Cover-Up nicht sofort als solches wahrnehmen – es sollte niemals eine offensichtliche Notlösung werden.

Anforderungen an Vorgang und Motiv

Für die Tätowierfähigkeit und Motivwahl macht es einen Unterschied, ob es sich um verheilte Schnitte und Verletzungen, OP-Nähte, Verbrennungen/Verbrühungen oder transplantiertes Gewebe handelt.

Welche Form es auch ist, es handelt sich immer um Ersatzgewebe, bei dem die normale Hautstruktur nicht mehr gegeben ist.
Das bringt mit sich, dass es nicht einfach so tätowiert werden sollte, als ob es normale Haut wäre, da dann das Ergebnis sehr suboptimal ausfallen kann weil die Pigmente sich nicht so verhalten wie in intaktem Gewebe. Motiv und Arbeitsweise müssen unbedingt auf die jeweilige Struktur abgestimmt werden.

Für uns ist das Ziel, dass Sie lange etwas von Ihrem Cover Up haben und sich hinterher damit wohl fühlen können. Entweder darf ich mein absolut Bestes geben, oder ich fange es erst gar nicht an. Das kann bedeuten, dass das, was Sie sich als Motiv vorstellen, für Ihre Situation aus handwerklicher Sicht völlig ungeeignet ist und wir gemeinsam nach einer anderen, passenden Art der Umsetzung suchen müssen. Nicht, weil wir Ihnen etwas aufdrängen wollen, sondern weil wir das Problem nicht langfristig noch größer machen wollen – z.B. ist ein filigranes linienbasiertes Tattoo über eng beieinander liegende Schnittnarben so ziemlich das Schlechteste, was man machen kann.

Grundvoraussetzung ist immer, dass die Narbe alt genug ist. Nach etwa einem halben Jahr hat sich die Narbe voll ausgebildet, aber das Gewebe wird noch über lange Zeit hinweg umgebaut. Daher tätowieren wir erst ab einem Alter von etwa 18 Monaten bzw. wenn sie ihre Rötung verloren hat.

Solche Termine sind extrem materialintensiv: Es sind nicht nur die Rötung, Schwellung und vergleichsweise großen Mengen Wundesekret, die schon nach wenigen Minuten die Arbeit erheblich erschweren können und große Mengen Farbe verschlingen, auch muss ständig der Zustand der Nadel beobachtet und ggf. schnell und oft ersetzt werden, da je Narbenstruktur das Gewebe sonst unnötig stark verletzt würde.

Falls sich Ihre Narben plastisch erheben (hypertrophe Narbenbildung), wird dieses Relief aus Ersatzgewebe auch nach dem Tätowieren noch spürbar sein. Es kann passieren (gar nicht mal so selten), dass sich diese vernarbten Strukturen durch die Perforation und anschließende Heilung deutlich glätten. Ob und in welchem Ausmaß das geschieht ist aber nicht absehbar, also rechnen Sie nicht damit. Und freuen sich, falls es so kommt.
Keloidale Narben werden nicht tätowiert.

Wenn Sie sich mit dem Gedanken tragen, sich mit einer Cover-Up-Anfrage Ihrer Narben an mich zu wenden, sollten Ihnen zwei Punkte vorher klar sein:

1. Die Fotos von vorher, währenddessen und nachher erscheinen möglicherweise in unseren Galerien.

Die Bilder werden immer anonymisiert, also Köpfe abgeschnitten oder unkenntlich gemacht und zudem zensiert. Außerdem wird grundsätzlich kein Träger einfach so verlinkt oder getaggt.
‘Möglicherweise’ bedeutet: Ich entscheide das – und das hat, wie bei allen anderen Projekten auch, ausschließlich etwas mit meinem nicht vorhandenen Talent als Fotograf zu tun.
Ich mache das nicht mehr mit, dass nach Beginn des Cover-Projektes dann die Mails mit der Bitte um Nicht-Veröffentlichung kommen und ich mich dann beim Hinweis darauf, dass zuvor etwas anderes schriftlich vereinbart wurde, schlecht fühle und gleichzeitig bedauern muss, dass da nun wieder eine in allen Aspekten gute Sache nicht gezeigt wird.
Was bringt es, wenn man etwas Tolles gemacht hat, und dann gar niemand sehen darf, was da überhaupt geleistet wurde? Ja, ein Mensch ist glücklich. Ok. Das ist sehr schön… nur wenn das jeder machen würde, gäbe es gar keine Tattoogalerien!

Der emotionale Rucksack bei Narbenkandidaten ist oftmals immens, und selbst wenn die Ursachen verarbeitet sind und es nur noch um die Beseitigung der verbliebenen Male am Körper geht, kann durch diesen Vorgang wieder einiges aufgewühlt werden. Also setzen Sie sich bitte vorher damit auseinander, wie es für Sie wäre zu wissen, dass es Bilder Ihrer Narben im Internet gibt. Selbst wenn niemand weiß, dass Sie es sind. Denn ich werde in Zukunft diese Bilder veröffentlichen, einfach auch um anderen in Ihrer Lage zu zeigen, welche Wege es gibt.

2. Sie müssen wirklich ein Tattoo, und nicht nur eine Kaschierung der Narben wollen.

Wenn es Ihnen nur darum geht, dass irgendetwas irgendwie über die Narben tätowiert wird, weil das vermeintlich ein schneller, einfacher Weg und das geringere Übel sei:
Dafür bin ich nicht der Richtige. “Es reicht mir, wenn ein Gegenüber die Narben nicht mehr sofort sieht und darüber nachdenkt”… über die Narben vielleicht nicht, dafür aber möglicherweise darüber, ob Sie sich das Tattoo zufällig einst im Jugendknast eingefangen haben. Wenn das für Sie in Ordnung ist: Ok. Mir reicht das aber nicht.
Für mich gibt es nur: Gut oder gar nicht! Das heißt, ich will, dass Sie unter den gegebenen Umständen die bestmögliche Tätowierung bekommen. Und nicht weniger.
Damit das überhaupt klappen kann, müssen Sie das aber genauso wollen!
Denn es ist oft langwierig und schmerzhaft. Deshalb fragen Sie sich bitte ernsthaft, ob Sie auch mit makelloser Haut oder ohne gesellschaftlichen Druck würden tätowiert werden wollen? Nur wenn die Antwort “ja” lautet, ist für Sie ein Tattoo überhaupt eine sinnvolle Lösung, um mit den Narben umzugehen.

Vielen Dank,
Denis